Es ist Mai, wir schreiben das Jahr 2004.

In der Zeitung entdecken meine Frau und Ich eine Anzeige von den Maltesern in Darmstadt. Sie bieten einen Kurs über Sterbebegleitung an. Ein Thema, mit dem man früher oder später einmal konfrontiert sein wird, ob wir das wollen oder nicht.

In unserem Kulturkreis ist das Thema Sterben ein Tabuthema geworden, dass nicht mehr in unsere moderne Gesellschaft passt.

Den Glauben an einen Schöpfer und einen Gott oder an eine übergeordnete Kraft, haben die meisten von uns Anderen überlassen.

Wir verlassen uns auf lieber auf die Werbung und unsere Gesellschaft die uns eine ewige Jugend verspricht. Das Thema Tod wird solange verdrängt wie es irgend möglich ist.

Wie oft erlebt man, das Kranke, zum Sterben in ein Krankenhaus verbracht werden. Wo diese dann ein paar Stunden später, von ihren Lieben zuhause getrennt, für immer ihre Augen schließen.

Ich will damit nicht sagen, das wir keine Krankenhäuser brauchen, sie sind ein ganz wichtiger Eckpfeiler in unserem Sozialsystem.

Sie sind aber keine Bewahrstation für die letzten Stunden eines Menschenlebens.

Wir sollten es lernen den Tod als einen Bestandteil unseres Lebens hin zunehmen und versuchen unseren inneren Frieden mit Ihm zu machen.

Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, das Menschen die an der Schwelle ihres Todes stehen, diesen in anonymer und in fremder Umgebung erfahren und allein gelassen erleben möchten.

Der Hospizkurs bei den Maltesern in Darmstadt verändert unser Leben und macht uns vieles Unbewusste bewusster. Wir bedanken uns an dieser Stelle bei den Leiterinnen des Kurse für ihre Geduld mit uns und das übermitteln ihre Wissens und für das mittragen unserer Erfahrungen.

Das Praktikum

Frau Dr. Dziuk ermöglichst es meiner Frau in Wiesbaden – Erbenheim, im Kinderhospiz Bärenherz ihr Praktikum abzuleisten.

Ich fahre mit um ihr eine seelische Stütz zu sein. Es ist ein sonniger Tag unter einem Sonnenschirm sitzt eine Frau die sehr versunken in sich selbst und mit sich selbst beschäftigt ist. Sie raucht Kette, einige ihrer Finger sind vom Nikotin gelb gefärbt und von einer nicht zuübersehenden Brandblase gezeichnet. Ich versuche sie aus ihrer ihr eigenen Depression heraus zuholen. Wohnen Sie hier frage ich, keine Antwort! Mit der Kraft meines Herzens gelingt es mir sie aus ihrem Seelenloch zuholen. Ihr Kopf erhebt sich, fragende Augen sehen mich an. Was sie mir sagen wollen weis ich nicht, noch nicht. Ich erzähle ihr von mir und meinem Leben und das was man den so alles so zutragen hätte. Sie fängt an Vertrauen zu bilden und öffnet sich ganz langsam. Holen sie mir mal einen Kaffee, aber Bitte mit Milch und drei Stückchen Zucker, das mit den drei Stückchen Zucker ist ihr ganz wichtig. Ich spute mich und versuche ihren Auftrag korrekt auszuführen.

Meine Frau hat inzwischen die Begebenheiten des Hauses zeigen lassen, sie sitzt zusammen mit ihrer Begleiterin im Empfangsraum der Hospiz.

Sie hat sich in die Praktikantenliste eingetragen und man fragt mich, wie es den mir so ergangen sei. Ich erzähle ihnen von Hannelore und das ich den keine Chance hätte mich zu verweigern und sie nicht wieder zu besuchen. Auch ich trage mich in die Praktikantenliste ein. Sie erzählt mir von ihrem Leben, das sie es selbst für nicht so wichtig und erzählenswert hält. Ich selbst denke da ganz anders darüber und bin der Meinung das mit dem Tod eines Menschen viel Lebensweisheit, Erfahrungen und Wissen verloren geht.

Hannelore lebt gerne, die Natur war ihr wichtig und ihre beiden Töchter, eine davon wohnt in den U S A und ruft mehrmals die Woche bei Ihr in der Hospiz an. Die zweite Tochter die im Großraum Frankfurt wohnt, besucht diese zum Leidwesen ihrer Mutter, nur Sonntags für ein Stündchen und das war es denn auch schon. Hannelore ist zu diesem Zeitpunkt schon fast ein Jahr in Wiesbaden in der Hospiz und vorher war sie im Frankfurter Raum auch schon in anderen Hospizen untergebracht. Fast zwei Jahre des Hoffen und Bangens und des Vorbereitens auf das was den da kommt? Hannelore erzählt mir, dass ihre Tochter eine große Wohnung hätte und man kann heraushören, das es ihr sehr weh tut nicht von ihrer Tochter gepflegt und versorgt zu werden.

Geboren wurde Hannelore in Halberstadt und sie hatte ein behütete Jugend. Sie erlernte den Beruf einer Altenpflegerin, den sie bis Mitte der Neunziger Jahre ausübte, bevor sie Krank wurde. Sie verliebte sich in ihren ersten Mann der aus dem Frankfurter Raum stammte, zwei Kinder wurden geboren. Ihre Ehe wurde geschieden und Hannelore verliebte sich in einen Diakon aus Nieder- Eschbach, der schon 7. Jahre vor Ihr gehen musste. Sie hatte Ihn auf einer Weihnachtsfeier die vom Diakonischen Werk, ihrem Arbeitgeber veranstaltet wurde, kennen gelernt. Ihre Kinder haben es ihr scheinbar nie verziehen, das sie ihren ersten Mann wegen eines Anderen verließ. Über ihre Krankheit redet sie nie, immer wenn ich das Gespräch in diese Richtung lenken will, macht sie zu. Es dauert noch Wochen bis sie es zulässt und über ihr Krankheit im weitesten Sinne redet. Das sie einen Darmtumor hat erfahre ich von den Ärzten.

Wenn es das Wetter zulässt, spielen wir Draußen im Freien Mensch ärgere Dich nicht, die Bibel die ich immer dabei habe oder ein anderes Buch kommen im Moment noch nicht zum Zuge. Hannelores Beweglichkeit nimmt ab, auch mir gelingt es nicht immer, ihr ihre Schmerzen zu nehmen. Das einzige was sich zum Positiven verändert hat ist, sie kann Nachts wieder besser Schlafen.

Immer öfters wenn ich sie besuche hält sie Fiesta und das ist doch schön zu sehen.

Wenn Hannelore Nachts Schmerzen hat, spür ich dies und schicke ihr Kraft für ihren Weg den sie zu gehen hat, und sie spürt dies auch. Bei einen der Besuche lerne ich Barbara kennen, sie kommt jeden Tag hierher und sie versucht für Sie ein Tochterersatz zu sein. Hannelore geht es mal wieder etwas besser und sogleich hat sie die Hoffnung ihren schon so lange vorgezeichneten Weg des Abschiednehmens aus dieser unseren irdischen Welt, verlassen zu können.

Sie sagt zu uns ganz überzeugt, gell, wenn ich wieder zuhause bin besucht ihr mich doch, verduzt über dieses gesprochene Wort, schau ich ungläubig und nicht verstehend meine Frau an.

Ja, da heißt es mittragen und das ist nicht immer einfach. Auf meine Frage zu ihrem Verhältnis zu Gott, winkt sie ab, sie hadert mit Gott. Er ist es doch, der es zulässt, das sie so krank geworden ist. Nee, Gott gibt es nicht mehr in ihrem Sprachschatz. Diese Chance hat er vertan, so ist ihr Denken.

An einem späteren Besuchstag kommen wir auf ein Gespräch über Engel. Ja, das mit den Engel ist in Ordnung für sie und für ihr jetziges momentanes Weltendenken. Ich denke so für mich, wo Engel eine Daseinsberechtigung haben, kann Gott nicht mehr all zu weit entfernt sein.

Ich erzähle Ihr das ich hin und wieder eine Meditation mache und das daß mir und meiner Seele sehr gut täte. Und das man auch auf Fragen die wir doch manchmal so tief in uns tragen Antworten bekommen können. Hast du schon mal was von der Kübler- Roß gehört, eröffne ich die heutige Unterhaltung. Ich erzähle Ihr von den Erfahrungen die diese Frau mit komatösen, bewusstlosen und wiederbelebten Menschen gemacht hat, die Ärzte zurück holen konnten und das sie dessen Erlebnisse, ihrer Seelenreisen nieder geschrieben hat. Sie wirkt sehr nachdenklich und irgendwie ungläubig auf mich, ich kann Sie ja verstehen. Ich erzähle ihr von dem Lichttunnel durch den wir alle an dem Ende unseres irdischen Dasein gehen werden und über die Reise zu den Göttlichen Gefilden zurück in das Land aus dem wir gekommen sind. Ja, in unsere angestammt Seelenheimat und zu unseren Ahnen, die schon vor uns gegangen sind, kehren wir zurück! Hannelores Freundin aus dem Obergeschoss (Altersheim) kommt auf Besuch, Sie spielen des öfteren Mensch ärgere Dich nicht zusammen. Sie erhebt ihr Weheklagen, in einer Tonlage das mir fast das Blut in den Adern gefrieren lässt, ob es den nicht besser sei, wenn Hannelore sterben würde und sie das ganze dann hinter sich hätte. In meiner Frustration über ihre Redewendung sage ich ihr, das dass zum Glück nicht sie, sondern das Gott das ganz alleine festlegt und das dies auch gut so wäre. Immer wann ich gehe fragt sie uns, kommt ihr wieder?

In dieser Zeit lerne ich auch ihren ersten Mann kennen, der sie hin und wieder besucht und das finde ich persönlich ganz schön stark von ihm.

Ich spreche ihn darauf an und er sagt mir, man hätte doch gemeinsame Kinder und das sei etwas, was Wunden verheilen ließe, geheiratet hätte er aber nicht mehr.

Einige Zeit später:

Der Herbst ist in unser Land eingezogen.

Hannelore hat den Wunsch auf uns gestützt und mit Hilfe ihrer Gehhilfe auf die Toilette zu kommen. Es sollte dies ihr letzter Ausflug aus eigener Kraft sein. Um sie zurück in ihr Bett zubringen, benötigen wir die Hilfe eines jungen Pflegers, der sie anschließend wäscht und neu windelt als wäre das dass normalste auf der ganzen Welt. Ich bewundere Ihn dafür und lasse ihn das auch wissen. Hannelore kann nicht mehr aufstehen und ist von da an, an ihr Bett gefesselt. Das Vorlesen mag sie nicht mehr, auf ihren sonst so geliebten Schokoladenpudding verzichtet sie. Magst Du ihn essen fragt sie mich auf Ihre immer noch helfen wollende und liebevolle Art. Sie erinnert mich daran, meine Lesebrille ändern zu lassen, ja so ist sie, immer besorgt um Andere. Das große Herz für Andere hat sie immer noch, erst die Anderen, und dann denkt sie erst an sich. Sie erzählt mir von ihrer äthiopischen Freundin und Arbeitskollegin, von der sie nur den Vornamen wusste, Abeba. Soll ich dort für Dich anrufen und ihr deinen Wunsch mitteilen?

Ja, das währe schön antwortet sie mir, das würde ihr eine ganz große Freude bereiten. Mein Gefühl sagt mir, das sie nun endgültig weis das ihre Zeit auf Erden begrenzt ist. Ich frage sie nach ihrer letzten Arbeitstelle, sie wäre in Frankfurt in der Diakonie gewesen. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste war, das sie durch die Einnahme von Morphium nicht immer auf ihrer geistigen Höhe war.

Stundenlang versuchte ich über das Internet ihren letzten Arbeitgeber ausfindig zumachen, und verschickte Anfragen ohne den gewünschten Erfolg.

Bei meinem nächsten Besuch in Wiesbaden bei Hannelore ließ ich mir die Telephonnummer von ihrer Tochter geben und bekam dann auch den Ort und den Namen des Altersheimes genannt, in der sie gearbeitet hatte. Der Rest war ein Kinderspiel, ein bisschen Stolz schwang in meiner Brust, ich hatte es geschafft und freute mich es Hannelore mitteilen zukönnen.

War meine Verwunderung groß, als sie mir sagte, das sie es nun nicht mehr wollte und sie hätte Angst davor, das man auf ihrer Arbeitstelle über sie reden würde.

Gut, dachte ich es ist ihre Entscheidung, und das hat man zu Respektieren! Die Telefonnummer hatte sie ja nun, und sie könne ja selbst dort anrufen wenn sie das wolle, antworte ich Ihr, sie nickt vorsichtig mit ihrem Kopf.

 

Die Zigaretten schmecken ihr nicht mehr, das Fernsehprogramm ist das was ihr noch etwas Abwechslung bringt. Am liebsten schaut sie sich Naturfilme oder Sendungen an, in denen es um das Schicksale anderer Menschen geht.

Es kommt jetzt auch ab und an Wut und Frust in ihr hoch, den wir als Begleitende direkt abbekommen können. Irgendwo und irgendwie kann man ja es verstehen, das dass loslassen und das Annehmen von dem was da jetzt auf einen zukommt, das man dies erst lernen und begreifen muss. Da kam es einmal vor als ich liebevoll ihre Hand streicheln will, das sie dies wütend ablehnt und mich an meine Frau verweist und was diese denn sagen würde. Scheinbar hat sie meine mitmenschliche Liebesgabe in den verkehrten Hals bekommen. Am Ende der Besuchszeit steht ihre Wut immer noch im Raum. Dies verletzt mich auch und ich sage Hannelore, das sieh ja wisse wie sie mich erreichen könne. Es ist das erstemal das sie nicht nachfragt, wenn ich den wiederkommen würde. Wir Beide haben einen telepatischen Draht zueinander, der nun für einige Zeit sehr dünn sein wird.

Einige Wochen später es ist dies an einem Samstag wird dieser innere Ruf so stark, das ich mein eigenes Ich überwinde und ich sie in der Hospiz besuche.

Barbara ihre Ziehtochter ist bei Ihr und liest in einem Buch.

Ich sage zu Hannelore, das ich einfach wieder kommen musste. Heut nimmt sie es dankbar hin von mir gestreichelt zu werden.

Barbara stellt fest, das es da etwas gibt was mich mit Hannelore verbinden würde. Ich kann es nur bejahen, das Verhältnis ist bei uns so, wie bei einem alten Ehepaar, das sich schon lange Jahre kennt.

Unser Hospizkurs in Darmstadt ist abgeschlossen und wir haben unsere Urkunden überreicht bekommen.

Hannelores Knöchel werden wund, schmerzen und heilen nicht mehr ab. Wochen später ist auch eines ihrer Ohren betroffen, sie wird immer weniger. Ich mache ihr den Vorschlag uns Fotos aus ihrem Leben anzusehen, sie geht nicht mehr darauf ein.

Ihre Kraft geht langsam zur neige, wie sie mir erzählt, möchte sie Weinachten noch erleben und das wären noch gut drei Wochen bis da hin.

Als ich sie das vorletzte mal zwei Wochen vor Weihnachten besuche ist Hannelore noch verletzlicher geworden. Eine ehrenamtliche Hospizhelferin die ich gut kenne, sitzt an ihrer Seite. Sie hält meist schweigend ihre Hand und bringt ihr ab und an ganz leise und kaum wahrnehmbar Lieder des Trostes und der Zuversicht an ihr Ohr. Ich klinge mich in das Ritual ein und bete für sie, um die Kraft und das Gottvertrauen und für ihren Weg den sie nun zurücklegen müsste. Ich bewundere diese Frau, wie sie dies alles so rüberbringt. Hannelore dämmern so dahin sie wirkt innerlich entspannt auf mich. Ab und an erwacht sie und ruft ganz laut nach der Schwester, man klärt mich darüber auf, das Hannelore schon auf ihrem Weg sei, auf dem Weg zu unserem Schöpfer. Ich kann es nicht glauben oder will es in diesem Moment nicht wahrhaben.

Es klopft an der Tür, herein kommt Hannelores Tochter und ihr Schwiegersohn. Ich stelle mich vor und beschließe, mich für heute zu verabschieden. Hannelores Tochter geht zu ihre Mutter und setzt sich auf einen der Stühle. Ich hatte sie vor nicht all zu langer Zeit am Telefon gesprochen, da wirkte sie sehr sympathisch auf mich, nun endlich lerne ich sie persönlich kennen. Sie fragt mich ob wir uns die Bilder von ihrer Mutter angeschaut hätten? Zu meinem bedauern muss ich dies verneinen. Hannelore ruft nach der Schwester, das kenne ich ja schon und deute ihrer Tochter an, das sie Durst haben könnte, so war es auch. Immer und immer wieder ruft sie nach der Schwester, derweilen halte ich ihre linke Hand und lasse sie spüren das jemand da ist. Ich fordere ihre Tochter auf es mir gleich zutun, Hannelore wird klarer und fühlt das ihre Tochter anwesend ist. Der Dialog der sich zwischen den beiden entwickelt, lässt mich innerlich kleiner werden.

Was is, was wills de, ist der Dialog der einseitig von der Tochter geführt wird. Ich frage die Beiden ob sie heute Nacht hier bleiben würden, sie schauen sich fragend und etwas ratlos an. Ich gehe kurz raus in den Hof um eine zu rauchen, der Schwiegersohn telephoniert gerade mit Jemanden.

Später erzählt er mir, das er solch eine Situation kennen würde und seine Mutter vor ein paar Jahren gestorben sei und sein Vater nun auf seine Kinder aufpassen würde. Ich versuche Ihn davon zu überzeugen, das sein Vater das mit den Kindern wohl hin bekäme und es für mein Ersinnen nichts Schlimmeres gäbe, als allein und abgeschoben von allen, unsere Welt verlassen zu müssen. Die Beiden beraten sich und ich habe das gute Gefühl sie überzeugt zu haben. Ein Trugschluss wie ich am nächsten Tag erfahren muss. Schwestern in weiß betreten die Stube und bitten uns hinaus um Hannelore zu windeln und sie fragen Sie ob sie den eine Spritze haben wollte, sie nickt mit dem Kopf.

Draußen im Gang rede ich den Beiden nochmals ins Gewissen und erzähle ihnen die Geschichte von einem mit mir weitläufig befreundeten Mann der einsam und ohne unser Wissen, ein paar hundert Kilometer von seiner angestammten Heimat entfernt, allein gelassen von uns und von der Menschheit fast vergessen, alleine in einem Krankenhaus sterben musste.

Ich persönlich entschließe mich, Hannelore für heute zu verlassen und ihrer Tochter die Chance einzuräumen, Dinge gerade zurücken die meiner Meinung nach noch nicht ausgesprochen waren, und da würde ich ja nur stören. Ich drücke und streichele Hannelore die Hand mit dem Versprechen am nächsten Tag wieder zukommen. Sie versucht ihren Kopf zu drehen und sagt zu mir das Wort “Warte“.

Dieses Wort kann ich in diesem Augenblick überhaupt nicht einordnen, und mir wird erst am nächsten Tag bewusst, was sie damit sagen wollte.

Lass mich nicht allein, sollte es heißen.

Ich muss noch lernen, zwischen den Zeilen zulesen, das ist die Lektion und sind meine Hausaufgaben die ich noch zu machen habe.

Ich habe mit Hannelores Tochter aus gemacht, das sie mich am nächsten Tag anrufen soll, wenn etwas außergewöhnliches wäre. Besuchen würde ich Hannelore auf alle Fälle so, oder so. Am nächsten Morgen, ich liege noch in meinem Bett und mache mir Gedanken über meine Vision die ich gerade hatte. Ich habe ein Flügelschlagen gehört. So wie es ist wenn meine Vögel, die bei uns frei in der Wohnstube sein dürfen, über meinen Kopf hin weg fliegen, ich kann dies im Moment nicht einordnen.

Beim Frühstücken erhalten wir die Nachricht, das Hannelore heute Nacht gegen vier Uhr morgens verstorben sei. Ich fahre gemeinsam mit meiner Frau gegen zwölf Uhr mittags in die Hospiz nach Wiesbaden, um uns von Hannelore zu verabschieden. Vor der Hospiz treffen wir ihre Tochter und Hannelores Schwiegersohn, wir bekunden Ihnen unser Beileid.

Zu meiner Verwunderung kann sie mir schon den Tag der Beisetzung ihrer Mutter nennen. Und das keine neun Stunden nach Ihrem letzten Atemzug!

Wie mir vom Personal der Hospiz erzählt wurde, hielten sie es nicht für nötig ihre Mutter in ihrer schwersten Stunde zu begleiten und beizustehen.

Ich hoffe für Hannelore das sie in ihrer Sterbestunde nicht alleine war, sicher bin ich mir da nicht!

Mein Versprechen an Hannelores Sterbebett, an ihrer Beisetzung anwesend zu sein habe ich eingehalten und ihr versprochen das nächste mal etwas besser hinzuhören, wenn ich das Wort „Warte“ vernehme!

Ihr Kreis hat sich geschlossen